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Wo soll man beginnen, wenn alles unpassend erscheint? Wenn Worte fehlen angesichts der Not. Wenn alles und jedes plötzlich neue Deutung erfährt? 

Ein anderes Leben vor eben noch sechs Wochen. Stattdessen jetzt: Lähmende Leere. Sehnsucht nach der Unbedarftheit des Gestern. Nach der in Watte gepackten großen kleinen heilen Welt. 

Auch hier waren Dinge anders geplant. Wie man eben so geplant in einem Leben vor dieser Zeit. Eine Reise auf den Spuren der deutschen Minderheiten, quer durch den Wilden Osten, als Fortsetzung der Recherche durch den Westen. Vom Baltikum bis zum Balkan, von der Ostsee bis zum Kaspischen Meer. German Heimat.

Die Einladung für ein privates Visum nach Wladiwostok war nach zähem Ringen endlich besorgt, die Route stand, kurz vor der Abfahrt schickte Russland Raketen in die Ukraine. 

Es gab den Gedanken, alles über Bord zu werfen. Die lange Planung abzuhaken. Abzuhauen. Urlaub zu machen. In der Sonne Griechenlands. In der Abgeschiedenheit Schwedens. Dann eine Art Berappeln. Migration, die Suche nach Heimat, Vertreibung - die Vergangenheit hat das Jetzt eingeholt. Ohne Erinnern gibt es keine Zukunft. 

Deswegen. Aufbruch. Dann doch.
Erste Station: Tschechien. 

Naši Němci

Tschechien - Europas schöner Osten. Zehn Millionen Einwohner. Bier, Berge, böhmische Knödel - und dazwischen jede Menge Klischees. 
Tschechien hat aber auch eine wechselvolle Geschichte, und unmittelbar ist sie mit den Deutschen verbunden. Jahrhundertelang lebten die Volksgruppen dabei friedlich miteinander. Mit dem Aufkommen des Nationalismus Anfang des 19. Jahrhunderts entstanden jedoch die ersten Probleme. Höchste Qualen erlitten dabei die Tschechen unter den Nazis; insgesamt starben zigtausende Tschechen, darunter bis zu 300 000 Juden aus Böhmen und Mähren. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges rächten sich die zuvor Unterdrückten, etwa drei Millionen Sudetendeutsche aus Böhmen und Mähren wurden vertrieben und zwangsumgesiedelt, es kam  zu Gewalttaten und Massenhinrichtungen; geschätzt wird, dass etwa 20 bis 30 000 Deutsche dabei ihr Leben verloren.

Und während die Vertreibung der Deutschen bis in die heutige Zeit weitgehend verdrängt wurde, wagt jetzt eine neue Generation eine kritische Reflexion der tschechischen Nachkriegsgeschichte. In Ústí nad Labem (deutsch Aussig) etwa wurde gerade eine Ausstellung entwickelt mit dem Titel: "Unsere Deutschen - "Naši Němci". Zu sehen, zu lernen gibt es dabei aber nicht nur die schwierigen politischen Kapitel von NS-Zeit und Vertreibungen, zurückgeblickt wird stattdessen auf die gemeinsame Geschichte seit dem 6. Jahrhundert.

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KZ Theresienstadt

Es ist kalt, sehr kalt, nur wenige Grad über Null, Hagel löst sich ab mit Schneeregen, und man mag sich gar nicht vorstellen, wie das damals war, und man tut es doch. Sieht die Männer und Frauen, wie sie auf den Holzpritschen in klammen Stoffen vegetieren. Zu essen nur einen Kanten Brot, eine Suppe, die den Namen nicht verdient; krank, abgemagert, erschöpft von der Arbeit, von den Schlägen, erschöpft von der Drangsal, dem Leben, das keines mehr war, keines mehr ist. Tschechien - das ist auch Theresienstadt, Terezin; sich hier als Deutscher erkennen zu geben, ist unangenehm. Beim Onlinekauf des Eintrittskarte wird vorab um die Sprache gebeten, auf der die Führung übers Gelände erfolgen soll. Die Versuchung ist groß, das Kreuz an anderer Stelle zu machen. Endlösung. Arbeit macht frei. Das sind deutsche Wörter. Deutsche Erfindungen. Einen Tag nach der Registrierung wartet Marek am Eingang zur Gedenkstätte, und er zeigt und zählt auf, wie hier auf deutsch gemordet wurde. Jeder Meter Schrecken, jeder Meter Scham. Über meine Herkunft verliert er kein Wort.

Kurz-Porträts

Einleitung

Bei der Volkszählung 2011 bekannten sich 19 000 Bürger der Tschechischen Republik zur deutschen Minderheit. Die meisten von ihnen waren und sind Nachfahren der nach dem Zweiten Weltkrieg in der damaligen Tschechoslowakei verbliebenen Deutschböhmen, Deutschmährer oder deutschen Schlesier. Das einstige Siedlungsland befand sich in der Böhmerwaldregion, dem Egerland, Nordböhmen, Ostböhmen, Mährisch-Schlesien, Nordmähren, Südmähren. Bis heute sind Flucht und Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch ein heikles Thema. Steht den Deutschen als Tätervolk eine eigene Opfergeschichte zu? Darf man die Verbrechen der Vertreibung aufarbeiten? Nach Lidice? Nach Theresienstadt? Nach Tausenden von Toten? Ein schwieriger Balanceakt. 

Der Junge von der Eger

Die Mutter Tschechin, der Vater Deutscher - eine Familie wie diese galt den tschechoslowakischen Behörden damals nach dem Krieg als Mischehe. Und was zunächst vielleicht als Privileg erschien, wurde später zur schweren Last. Denn anders als die, die vertrieben wurden, zwang man sie zum Bleiben. Der Rest der Familie  dagegen - umgesiedelt. Die Mutter. Die fünf Geschwister. Die Cousins, Cousinen, Tanten, Onkels, alle verbannt. Und jeder Antrag auf Familienzusammenführung - abgelehnt. Georg Pötzl erinnert sich gut an die Verzweiflung der Eltern nach jeder neue Absage. "Sie wollten raus, aber sie haben sie nicht gelassen." Für ihn selbst wurde das Leben zu einer Art Sonderstatus. Geboren 1936 im böhmischen Eger (heute Cheb), Einschulung mit drei Jahren Verspätung, bis zu seinem 18. Lebensjahr ohne Staatsbürgerrechte, einen Beruf nach Wahl darf er nicht ausüben. Georg Pötzl gehört zur Generation der Betrogenen. Zu denen, deren Vergangenheit verschwiegen und denen die Zukunft verwehrt wurde. Ein Leben zwischen den Welten und zwischen den Zeiten. Und doch, sagt  Georg Pötzl: "Heimat ist hier."

Es gibt ein Lied von Ernst Mosch; dem 1999 verstorbenen Volksmusikanten; auch er ist hier in der Gegend aufgewachsen. Georg Pötzl spricht es aus dem Herzen.

"Wir sind Kinder von der Eger,
Aus dem wunderschönen Egerland.
Das man niemals mehr vergisst,
Wenn man ein Kind der Eger ist."






"Staatenlos waren wir. Bis 18 Jahre habe ich so ein grünes Buch
gehabt, da war, glaube ich, nicht mal ein Foto drin."

  • Über Staatenlosigkeit
  • Über Benachteiligungen
  • Über Traditionen

Der Ehrenamtler

"Es war nicht leicht, die Zeit", sagt er. "Man hat uns 40 Jahre gestohlen." Wie George Pötzl ist auch Ernst Franke in der Karlsbader Region (Karlovarský kraj) aufgewachsen; und wie er ist mit dem Leiden der Deutschen nach dem Krieg gut vertraut. Denn natürlich weiß er um ihre Rolle im Nationalsozialismus, natürlich weiß er um ihre Verbrechen. Aber es gab auch ein anderes Leiden. Dass der Osten verschwieg und der Westen nicht wahrhaben wollte. Geschichte aber ist nie geradlinig. Und so erzählt der 69-Jährige, wie es damals war, als es hieß, Hab und Gut hinter sich zu lassen, von einem Tag auf den anderen: "Alles blieb im Haushalt stehen, nur das Notwendigste wurde mitgenommen." Die, die bleiben durften oder bleiben mussten, lebten zumindest in den ersten Nachkriegsjahren das Leben der Entrechteten. Tschechisch lernte Ernst Frank im Kindergarten, da war er fünf Jahre alt. Mit jedem neuen Wort verschwand die deutsche Sprache aus seinem offiziellen Alltag. Keine Staatsbürgerschaft, keine Sprache. Keine Rechte. Er hat das alles so hingenommen. Nichts hinterfragt. Sich gefügt. "Das war eben so", sagt er, und er sagt es immer wieder. 
Seit seiner Rente engagiert sich Franke für die Deutsche Minderheit beim Bund der Deutschen-Landschaft Egerland; seit 2016 leitete er die Begegnungsstätte in Cheb (deutsch: Eger). Ziel der Gesellschaft sei die Entfaltung und Vertiefung freundschaftlicher Beziehungen zwischen der Tschechischen Republik und Deutschland, und Ziel sei es auch, die Vergangenheit nicht vergessen zu lassen, sagt er. Er spricht deutsch, tschechisch, englisch, ein bisschen russisch, ein bisschen holländisch. Er sagt: "So viele Sprachen du sprichst, sooft mal bist du Mensch." 

 

 

 

"Ich habe die ersten Wochen durchgeweint, ich verstand nichts."

  • Über die Vertreibung
  • Über die Muttersprache
  • Über den Kommunismus

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